Ein Leben für die Berge und die Bergsteiger

Hermann Huber wird 70

Ein Interview über die Anfänge der Bergsteigerausrüstung

eingesandt von Herrn Maurer (Salewa)

Der Münchner Hermann Huber ist ein bekannter Mann. Als aktiver Bergsteiger und Kletterer, als Konstrukteur von Bergsteiger-Ausrüstung sowie deren Vermarktung und Verkauf bei dem bedeutenden Sportartikel-Hersteller SALEWA. Unser Hermann, Jahrgang 1930, feiert am 20. September seinen Siebzigsten, und wer den Jubilar sieht oder gar mit ihm am Seil ist, kann sich vor seiner Fitness und seinem Können nur in höchster Anerkennung verneigen. Tägliches Training, Touren in hohen Schwierigkeitsgraden, Fernreisen, Expeditionen und immer Augen und Ohren offen, wo den Alpinisten der Rucksack, der Helm, der Klettergurt zwickt, was am Schuh, am Seil, an Karabinern, Haken, Eisschrauben, Steigeisen, Kleidung, Schlafsäcken und Zelten zu verbessern wäre.

Hans Steinbichler hat Hermann Huber in seinem gemütlichen Heim in München besucht und mit ihm ein Gespräch geführt. Hier die Veröffentlichung:

Hans Steinbichler: Hermann, so kurz nach dem Krieg, 1945, in einer zerstörten Stadt, in der die Hälfte der Männer gefallen war, wird es nicht einfach gewesen sein, eine Lehre zu beginnen.

Hermann Huber: Es war eine schwierige Zeit. München war weithin zerstört, unser kleines Haus von Bomben beschädigt, aber wir waren schon vorher aufs Land geflüchtet. Im September 1945 trat ich als kaufmännischer Lehrling in die Firma Sattler- und Lederwaren (Salewa) ein.

HS: Dein weiterer Weg liest sich ja wie eine amerikanische Erfolgsstory.

HH: Ja, es ging rasch. 1956 wurde ich Verkaufsleiter der Firma. 1960 erhielt ich Prokura, von 1972 bis 1988, dem Jahr meines Ausscheidens, war ich Geschäftsführer.

HS: Salewa, 1935 gegründet, stellte zuerst Lederwaren, auch für die Reiterei, her. Gab es auch schon alpine Aufträge?

HH: Ja, Salewa produzierte schon die berühmten "Norweger-Rucksäcke" mit dem Stahlgestell sowie Skistöcke aus Haselnuss, Tonkin und Leichtmetall.

HS: Du hast ein Leben lang an bergsteigerischer Ausrüstung getüftelt, und eine ganze Reihe deiner Konstruktionen haben sich weltweit durchgesetzt. Was war deine erste Arbeit?

HH: Es ist heute gar nicht mehr vorstellbar, mit welchen Rucksäcken die Bergsteiger noch vor einem halben Jahrhundert ins Gebirge gingen. 1955, als ich meine erste Auslandsbergfahrt in die peruanischen Anden organisierte, befasste ich mich mit diesem Ausrüstungsteil und konstruierte das Modell "Anden", einen Rucksack aus Segeltuch und Leder, mit 60 Litern Inhalt, im Rückenteil mit einem flexiblen Stahlband, das genau auf die Form des Rückens zu verstellen war, mit integriertem Kleinrucksack von zehn Litern, der für den Gipfelgang oder kleinere Touren gedacht war, mit Deckeltasche und verstellbarem Volumen, was mit Schnüren möglich wurde. Dieser Rucksack war überaus erfolgreich, wir haben ihn zehn Jahre lang fast unverändert gebaut.

HS: Dein größter Erfolg wurde aber eine Metallkonstruktion, das nun wirklich weltberühmt gewordene Salewa-Steigeisen, Vorbild für alle weiteren Modelle in Europa und Amerika.

HH: Nach und nach erweiterte Salewa sein bergsteigerisches Angebot. Selbstverständlich boten wir auch Steigeisen an, die neuen "Zwölfzacker". Sie wurden in Fulpmes im Stubai von Hand geschmiedet und hatten ein gehöriges Gewicht. Doch die Firma Ralling, bei der wir arbeiten ließen, konnte immer weniger liefern. 1960 nahm ich mich der Sache an und überlegte: Weshalb konnte man ein Steigeisen nicht aus Stahlblech stanzen und dann in Form biegen? Das wären riesige Einsparungen an Arbeitszeit und Gewicht. Wochenlang zeichnete ich auf Karton und Alu-Blech, bog Aluminium, und kam Zug um Zug zu einer Lösung. Seit langem arbeiteten wir mit der Metallfirma Gabriel in Gauting zusammen...

HS: ...die auch für euch Skistock-Griffeinlagen herstellte.

HH: Ja, richtig. Dort stellte ich meine Zeichnungen und das Alu-Modell vor. Technisch erschien die Sache schon möglich. Über einige Prototypen führte der Weg zur Serienreife. Auch wurde es nötig, dass ich mich mit Metallurgie beschäftigte. In Eigenversuchen prüfte ich Härte und Biegsamkeit des Metalls, testete in meiner freien Zeit, auf verschiedenen Touren, den Sitz der Eisen am Schuh, die Verstellbarkeit und Robustheit der Konstruktion und...

HS: ... es hat sich bewährt, es wurde ein durchschlagender Erfolg, ich bin fast zwanzig Jahre mit diesem Steigeisen unterwegs gewesen.

HH: Ja, es wurde ein großer Wurf, wir haben es über 350000mal verkauft. Japan nahm pro Jahr 8000 Paar ab, die USA 5000, Frankreich, trotz starker Konkurrenz durch Charlet-Moser und Simond, 3000 Paar, Italien 1000, obwohl hier mit Grivel, Cassin und Camp das Angebot noch größer war. Ich habe das Eisen vielfach modifiziert, wobei ich manche Anregungen von meinen Seilkameraden erhielt, es wurde nachgebaut – aber es blieb das Salewa-Classic-Steigeisen.

HS: Mit der Rohreisschraube hast du die Sicherung im steilen Eis revolutioniert und damit den Eiskletterern ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Wie war das vorher und nachher?

HH: Der Eishaken, eine Erfindung aus der Zeit zwischen den Kriegen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Eisschraube (System Korkenzieher) ersetzt. Haken wie Schraube waren aber nicht bei jedem Eis zu verwenden. Hartes sprödes Eis bekommt beim Einsatz dieser Sicherungsmittel Risse, und es werden ganze Platten weggesprengt. Wir brauchten also etwas wie einen Hohlbohrer, der beim Bohren keine Sprengwirkung entwickelte. Und das war es. Die Salewa-Rohreisspirale, anfangs aus Stahl, nun aus Titan, hat sich weltweit durchgesetzt. Wir haben über 100000 solcher Eisschrauben verkauft.

HS: Neben der Hohleisschraube hast du dich auch mit dem Hohlkarabiner aus Hartaluminium befasst.

HH: Die bewährte und vielfach bei großen Belastungen eingesetzte Alu-Legierung 7075 regte mich an, die Bruchlast eines Karabiners aus diesem Material zu testen. Aber das Biegen eines solchen Rohres erwies sich als Hindernis. Schließlich gelang das Biegen in mehreren Schritten - und wir konnten einen superleichten Karabiner anbieten, der 2000 Kilo Bruchlast aufwies. Royal Robbins, das amerikanische Felsgenie, mit dem ich die Salathé-Führe am El Capitan kletterte, hat mir 20000 dieser Karabiner abgekauft.

HS: Eine weitere Großtat war der Entwurf eines ultraleichten und dennoch stabilen Kleinzeltes, die sogenannte Hiebeler-Tonne, die du mit Toni Hiebeler entwickelt hast.

HH: Ja, damit wurde das Biwak im Hochgebirge, auf Fels, Schnee und Eis wesentlich erleichtert. Das dafür benutzte, sehr dünne Glasfasergestänge ist wohl das erste gewesen, das für Zelte eingesetzt wurde. Das Gesamtgewicht von 1700 Gramm sprengte alle bisherigen Vorstellungen. Diese Erfahrungen waren dann die Basis für unser Zeltprogramm der Sierra-Linie.

HS: In den 43 Jahren, in denen du für Salewa tätig warst, hat sich die Firma völlig verändert, wandelte sich auch das Bergsteigen.

HH: Ja, aus der kleinen Firma für Lederwaren wurde ein weltweit agierendendes Unternehmen. Nach und nach errichteten wir Filialen in Österreich und in der Schweiz. Gefertigt wurde in Taiwan, Korea und China, was viele Reisen nach Ostasien bedingte. Es war nötig, dass ich Sprachen lernte: Englisch, Französisch, Spanisch. Gegenwärtig lerne ich Russisch. Natürlich verfolge ich mit Interesse, was in den letzten Jahren und heute geschieht: Es gelingt, die Ausrüstung noch leichter und dabei dauerhafter zu machen. "Meine Salewa" setzt auch im Hartwarenbereich neue Akzente, wie z. B. mit dem ATTAC-Klettersteig-Karabiner.

1958, Hermann Huber war 58 Jahre alt, zog er sich als Geschäftsführer von SALEWA zurück (er erfüllte noch einige Jahre einen Beratervertrag) und konnte sich nun ganz dem Bergsteigen widmen.

Mit seinen Verbindungen zu den besten Bergsteigern aller Kontinente hat Hermann Huber die Welt kennengelernt, war mit ihnen am Seil in vielen Gebirgen der Erde. So in den USA, in Korea, in Japan, in Neuguinea, in Grönland, Island, Südafrika, Russland – und immer die großen Touren in den Alpen: Peuterey-Grat am Montblanc, schwerste Routen im Kaiser, im Karwendel und in den Dolomiten. Aber er erlebte auch die dunkle Seite des Bergsteigens: Von über hundert seiner Seilkameraden hat er vierzehn am Berg verloren.

Hermann Huber kann auf ein großes Lebenswerk zurückschauen. Er hat das Bergsteigen der vergangenen 50 Jahre auf dem Ausrüstungssektor geprägt und gestaltet. Er hat alle seine Neuentwicklungen selbst getestet, er hat mit seiner Arbeit, seiner Phantasie und seinem Erfindergeist vielen Bergsteigern Sicherheit in Fels und Eis gegeben und damit tiefe und unvergessliche Erlebnisse geschenkt.