
Bericht von Dr. Wolfgang Wabel
Chamonix war Austragungsort der alle zwei Jahre stattfindenden Europameisterschaft im Sportklettern. Das Kletterevent des Jahres beinhaltete alle drei Disziplinen: Bouldern, Speed und Schwierigkeitsklettern. Frankreich manifestierte seine führende Rolle beim Sportklettern, gleichwohl die Organisation auch sehr von der französischen Sichtweise beeinflusst wurde. Italien stellt die Sieger beim Bouldern der Herren und die Osteuropäer dominieren das Speed-Klettern. Die deutschen Schwierigkeitskleterer war mit drei Teilnehmern im Finale vertreten, was eine gute Quote darstellt, verpassten dann allerdings Spitzenplätze. Der Reihe nach:
Mittwoch und Donnerstag (10./11.7.) sollten die Boulderwettkämpfe stattfinden. Mangels geeigneter Regenschutzvorrichtungen und aufgrund eines schlechten Wetterberichts wurde die Qualifikation auf Donnerstag und damit auf den Finaltag verlegt. Am Vormittag waren bei Damen und Herren je fünf Boulderprobleme zu knacken, was allen Beteiligten äußerst schwer fiel. Der beste Mann (Salavat Rakhmetov, RUS) hatte nach der Qualifikation gerade mal einen Boulder geschafft. Bei den Frauen war es etwas besser, die Beste nach der Qualifikation Sandrine Levet (F) konnte drei Boulder erfolgreich absolvieren. Nikki Haager (Sektion Oberland) verpasste als 14. knapp das Finale der besten Zwölf. Sie ärgerte sich zurecht, zumal sie das Können hätte, ganz weit vorne zu landen. Eva Nieselt wurde 22., auch hier ist noch mehr drin. Bei den Herren erreichte Karst en Borowka (SBB) einen 17. Platz, Wastl Unteregelsbacher belegte bei seinem internationalen Debut den 23. Rang. Im Vorfeld der EM hatte Bouldertrainer Christoph Finkel einen mehrtägigen Lehrgang abgehalten, bei dem auch der Anschlusskader im Bouldern vertreten war. Hier konnten vielfältig neue Akzente gesetzt werden, mittelfristig wird sich das auch auf die Resultate auswirken, denn hier ist vom Können her bei den Boulderern noch einiges drin.
Die Speed-Wettkämpfe, das 100-Meter Laufen des Kletterns, war fest in osteuropäischer Hand. Wenn die schnellsten Herren im Halbfinale bzw. Finale klettern, dann hat das Speedklettern auch eine echte Faszination, es ist unglaublich wie schnell man so eine 15-Meter hohe Wand klettern bzw. hoch rennen kann. Europameister wurden die amtierenden Weltmeister Elena Repko und Maxim Stenkovoi.
Das Schwierigkeitsklettern hatten die Organisatoren so geplant, dass das Finale in die Nacht zum französischen Staatsfeiertag fiel. Viertel- und Halbfinale dienten zum Ermitteln der Besten für das Finale, das wurde auch bei der Organisation ersichtlich. Startzeiten wurden nur in etwa oder gar nicht eingehalten. Da war schon mal schnell eine Verzögerung von einer Stunden möglich. Die Routenbauer um Raphael Cabane hatten ihre Energien für die Finalrouten aufgespart, was sich in mittelmässigen Qualifikationsrouten zeigte. Solange alles fair und für alle gleich abläuft, ist dagegen nichts zu sagen; das Wichtigste ist die Finalrunde, da muss alles passen und klasse sein.
Aus deutscher Sicht sehr erfreulich hatten sich Katrin Sedlmayer (Bayerland), Damaris Knorr (Ludwigsburg) und Christian Bindhammer (IG Klettern München) für die Finals qualifiziert. Andreas Bindhammer (IG Klettern München) hatte Pech und schied im Viertelfinale aus. "Bei mir rutscht ein Fuß derzeit eigentlich immer nur im Wettkampf weg, sonst nicht." Markus Hoppe (SBB) und Robert Mate (Konstanz) waren im Viertelfinale gut unterwegs, leider war das Halbfinale einen Schritt zu weit. Gut kletterte Sarah Seeger, die ins Halbfinale vorstiess, dort allerdings nicht zufrieden war, "ich habe Mist gebaut und bin unzufrieden. Allerdings hat mich die EM trotzdem motiviert und ich sehe, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen." Wasser war auch das Hauptelement des Finales, es regnete aus Kübeln, der Himmel weinte über dem Mont-Blanc. Zum Glück war die Kletterwand gut mit einer speziellen Plane geschützt, so dass man von sicherlich nicht optimalen, jedoch für alle gleichen Bedingungen sprechen konnte. Man sah eigentlich nur Schirme und viele in Regenbekleidung gehüllte Menschen, die Wand war spektakulär in verschiedenes Licht getaucht, die große Videowall zeigte die Gesichtszüge der Athleten im Detail. Die Bilder der Publikumslieblinge Sandrine Levet und Emilie Pouget wurden von rosa Riesenherzen umrahmt. Climbing goes show business Die sportliche Angelegenheit im Finale war eindeutig, Chloe Minoret nutzte die Gunst ihrer Stunde und siegte zum ersten Mal bei einem internationalen Wettkampf, Ergebnis Europameisterin! Bei den Herren ist derzeit gegen Alex Chabot kein Kraut gewachsen, er dominiert das Wettkampfklettern wie einst Francois Legrand. Die Leistung, die Alex im Finale zeigt, war schlicht und ergreifend "imperial". Absolute Weltklasse, er sieht die Route am besten und macht keinen Fehler, er zögert nicht lange, sondern klettert.
Vor der Siegerehrung gabs ein Riesenfeuerwerk, die Franzosen feierten anschliessend die Sieger und vor allem sich selbst. Insgesamt kann man von einer großen Kletterveranstaltung sprechen, vom Eindruck her war man jedoch eher auf einem internationalen Wettkampf in Frankreich, bei der drei Disziplinen stattfanden, denn auf der Europameisterschaft 2002.