Münchner Meisterschaft läutet die nahende WM ein


Bericht zur Münchner Meisterschaft 2005 von Nils Schützenberger
Die Münchner Meisterschaft im Kletterzentrum Thalkirchen hat sich in diesem Jahr von einem regionalen Amateurwettkampf zu einem Highlight der süddeutschen Kletterszene gemausert. Mit 196 Teilnehmern, davon 66 unter 12 Jahren, und 75 Boulderproblemen kann die Münchener Meisterschaft dem Pendant in Norden der Republik, den Soul-Moves-Contests, das Wasser reichen. A propos Wasser: Die Anti-Regentänze einiger Organisatoren konnten die Wettergötter entgegen der Vorhersagen doch besänftigen. Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Aufführung der Kletterweltmeisterschaft Anfang Juli in München auf bestem Terrain stattfinden wird!

Staunen und Zittern

Die Tage vor der hauptsächlich im Freien stattfindenden Großveranstaltung waren im vielköpfigen Organisations- und Schrauberteam von Zittern und Staunen geprägt: Beinahe stündlich verschlechterten sich die Wettervorhersagen, gleichzeitig stieg die Anzahl der Voranmeldungen zur Teilnahme. Um die absehbaren Warteschlangen zu verhindern, drehten ´die Schrauber am Donnerstag und Freitag bei glühender Hitze im Akkord. Ergebnis: ein 
Rekordmarathon mit 75 unterschiedlichsten Bouldern von 3 bis 7c+ (fb), sowie 2 x 5 Routen (2 je Teilnehmerklasse) wartete am Freitagabend auf seine Bezwinger. Zugleich erreichte die Wettervorhersage ihren Tiefpunkt: „gewittrige Unwetter mit Temperatursturz kurz vor der 6 stündigen Quali, Regen und Schauer im Wechsel zum Finale". Die Satellitenloops zeigten eine dunkle Schauerfront die sich beständig dem deutschen Mekka des Kletterns näherte. Und dennoch: 196 Teilnehmer, die der Einladung der Sektionen München und Oberland, sowie dem Kletterzentrum Thalkirchen gefolgt waren, pfiffen auf Satellitenbilder und drohende Schafskälte.

es geht los

Nach kurzen Begrüssungsreden, u.a. durch die Schirmherrin der Veranstaltung, die 2. Bürgermeisterin der Stadt München, Frau Dr. Gertraud Burkert, gings dann los. Bei leichtem Regen und atmosphärischer Untermalung durch Moderator Fabi wurde in den ersten 6 Stunden gezogen, was das Zeug hergab. Das Geschehen in der schwereren Herrenroute signalisierte schon früh, dass das vom letzten Jahr bekannte Herrentrio Vacka-Becker-Triller sich fürs Finale stark machte. Die Boulderlastigkeit der Gesamtwertung liess jedoch hoffen, dass diesmal die Routensteiger nicht ganz so stark über die Boulderer dominieren würden wie die letzten Jahre.

Die Kids, die den Teilnahmerekord vom letzten Jahr mehr als verdoppelten, bekamen in der Quali ein breites Feld an Bewährungsproben serviert: Eine technisch anspruchsvolle Top-Rope-Route, Bierkastenklettern, Drahtseilbalancieren, Zeitklettern an der Leiter und einige „Lochgriff- und Riesentodboulder", in denen sie den Grossen zeigen konnten „was ne Harke ist". An dieser Stelle sei allen Betreuern der Kinder für ihr Engagement gedankt, auch was die Ehrlichkeit der Laufzetteleintragungen betrifft. Denn es ist einfach peinlich, sich mit einem Betrugsergebnis in den vorderen Rängen einzunisten oder gar ins Finale hineinzuschummeln. Verzweifeltes Kreiseln und Scharren, ohne vom Startgriff richtig abzuheben, spricht für die Zuschauer Bände über den tatsächlichen Könnensstand eines Finalisten.

Die Umbauphase nach der Quali wurde unterhaltsam mit Bierkastenklettern, Eisgerätehangeln und einem High-Jump-Contest überbrückt. Einige „Highjumper" verteidigten dabei vor begeistertem Publikum ihre berechtigte Anwartschaft auf das Finale. 

Finale Kinder

Beim Finale waren dann mehrere 100 Zuschauer dabei und sogar die Sonne kam noch heraus. Für jede der Wertungsklassen war ein Finalboulder vorgesehen. Simon Lang, jüngstes Mitglied des Oberland-Kaders, zeigte im Kinderfinale, was er drauf hatte. Er überholte Christian Balz (ebenfalls Oberland) mit einem astreinen Flash. Nach ihm kletterten die beiden ´in Österreich bekannten Salzburger Zwillinge Rudigier. Auch sie topten enorm schnell, wenn auch technisch nicht so professionell wie Simon. So kündigte sich ein spannendes Kindersuperfinale an.

Jugend weiblich

Zuvor schob, drückte und presste die „weibliche Jugend" was das Zeug hielt. Die junge Monika Retschy (Oberland-Kader) erkämpfte sich verdient den 3. Platz. Nur ganz knapp musste sie der Vorjahressiegerin Yvonne Koch (Sektion München), die mit souveräner Technik aufwartete, den Vortritt lassen. Auch bei Ulla Meyer aus dem bekannt schlagkräftigen Augsburger Kader entschied sich der Sieg eigentlich nur an einem „Minus- Griff". Wie sich später herausstellte, hatten alle drei Mädels die Crux kurz vor dem Top nicht exakt aufgelöst.

die „Ösis" kommen

Der absolute Renner wurde dann im Kindersuperfinale am selben Boulder geboten. Simon Lang bewältigte ¾ des Mädelboulders und scheiterte daran, dass er in seiner eindrucksvollen „Alles-Oder-Nichts-Attacke" einen entscheidenden Griff übersah. Ganz anders die beiden Salzburger Zwillinge. Laurenz Rudigier kämpfte sich unter Begeisterungsstürmen der Zuschauer bis zu besagter Crux vor, sein Bruder Max verlor zwar wiederholt die Kontrolle über die Beinarbeit, besass jedoch derart viele Kraftreserven, dass er die Schlüsselstelle fast spielerisch knackte und zum Erstaunen vieler zu guter Letzt am Top baumelte. Ein hochverdienter Sieg der beiden Österreicher der dem Autor, aus welchem Grund auch immer, ein bekanntes Münchner Ereignis ins Gedächtnis rief: 1705, vor ziemlich genau 300 Jahren unterlagen Bayerische Rebellen den Österreichischen Truppen nur wenige hundert Meter vom heutigen Kletterzentrum entfernt. Davon abgesehen, könnte der Auftritt der Salzburger einen Vorgeschmack auf die bevorstehende WM geben. Nicht ohne Grund dominieren seit kurzem in den Weltcups die „Ösis" und haben die bis dato unbesiegbaren Franzosen auf Platz 2 verdrängt. Jetzt könnte man ins Spekulieren abdriften angesichts der Tatsache, dass ja die Bayern die Verbündeten Napoleons gegen die „Ösis" waren…

Jugend männlich

Um nicht weiter „Schmarrn zu verzapfen" (hochdeutsch: Unsinn reden) hier die harten Facts des Finales der „männlichen Jugend": Robin Gray (Sektion München) Platz 3, Martin Mayer aus Rottau Platz 2. Der Augsburger Adrian Rott bewies grosse Klasse, als er völlig ausgepumpt einen fast hoffnungslosen Sprung zum Zielgriff wagte und… erfolgreich topte: Platz 1 für Adrian. 

das „schwache" Geschlecht

Auch das Damenfinale bot Hochspannung: Schrauber Daniel Gebel (Erstbegeher „Le Temps der Vivre - erster 11er in Konstein) hatte für das angeblich schwache Geschlecht einen bockschweren, auszehrenden 20-Zug-Quergang an seinem Ingolstädter „Pilz" gezaubert. Joanna (Jojo) Melle vom Oberlandkader liess sich davon nicht beeindrucken und erkletterte sich den 4. Platz. Fast-C-Trainerin Ari Steinel aus Wellheim, bewies, dass sie auch ohne Briefing ihres Meisters kräftig zupacken kann und platzierte sich auf Rang 3. Genauso überzeugend, aber nur knapp vor den beiden Letzteren, profilierte sich Birgit Weiss (Sektion Oberland). Zu inzwischen fortgeschrittener Stunde präsentierte sich die bekannte Barbara Mittlmeier (Sektion München) in Höchstform. Nach einem steilen, artistischen Doppeldyno konnte sie mit einer Hand den Top, einen fetten Halbkugelsloaper zwar schnappen, schmierte dann aber in Zeitlupe daran ab. Dennoch zeigte die neue Münchner Meisterin eine unbestritten grandiose Vorstellung.

Götterdämmerung

Es begann zu dämmern, als die „Herren der Schöpfung" zu Werke gingen. Jetzt galt es, den um einige Griffe ärmeren Damenboulder in Gegenrichtung durchzureissen. Christian Münch, liess sich von dieser fb-8a-Traverse ebenso wenig schrecken wie zuvor seine Kollegin Jojo Melle und rundete mit seinem 4. Platz die Leistungsbilanz des Oberlandkaders überzeugend ab. Unter lautstarker Anfeuerung des gesamten mitangereisten Augsburger „Fanclubs" startete Ferdinand „Ferdl" Triller, kein Boulderer im eigentlichen Sinne. Mit der Technik eines ausdauernden Routenspezialisten stellte er eine Rekordaufenthaltszeit in dem abweisenden Hammer auf. Er sicherte sich schlussendlich den 3. Platz. Benny Becker (Sektion Landshut), letztes Jahr nach drei zwillingsgleichen Zügen mit Bruno Vacka ( Sektion Aschau) zusammen auf Platz 1, wollte es diesmal wissen. Benny sprang in einem Wahnsinnstempo durch die Traverse bis er am vorletzten Griff passen musste. Bruno Vacka, vom Stil her eher Techniker, arbeitete sich konzentriert bis zum selben Griff vor und … tropfte genauso ab. Ein Revival des letztjährigen Finales kündigte sich an. Die Schiedsrichter meinten kurzentschlossen: „dieselbe Traverse noch einmal, mit ein paar Griffen weniger". Ein Griff, den Bruno geschickt zum Abkürzen genutzt hatte, fiel im Superfinale dem Sparzwang von Daniel Gebel zum Opfer. Damit senkte sich die Waagschale zu Gunsten von Benny, der 
anschliessend zum neuen Münchner Meister gekürt wurde. Angesichts der Tatsache, dass Benny bei zwei Wettkämpfen im Vorjahr Bruno knapp den Vortritt einräumen musste, waren mit diesem Ausgang alle, sowohl Zuschauer als auch Teilnehmer, hochzufrieden. 

„und wie ist die Schweiz?" – „flach!"

Bleibt noch zu erwähnen, dass man am Abend mit viel Feuchtfröhlichkeit feierte und es hätte nicht viel gefehlt und alle hätten sich um ein grosses Lagerfeuer versammelt, aber halt, das war eine andere Geschichte: die von dem kleinen Gallier und seinem dicken Freund, die waren, glaube ich, auch mal in der Schweiz zum Klettern, womit wir wieder fast bei den Österreichern und den Franzosen wären, aber dazu mehr im Juli bei der Weltmeisterschaft…

Gedankt sei an dieser Stelle noch den großzügigen Sponsoren, ohne die die Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre: Sport Schuster, Lost Arrow, Sixtus, Basecamp, ispo, Sektionen München und Oberland des DAV und Kletterzentrum München.

Bilder zum Bericht findet Ihr hier